Je höher der Routine-Anteil in einer Tätigkeit, umso größer die Gefahr, dass Maschinen Menschen verdrängen werden. Dieser einfache Zusammenhang wird durch eine aktuelle Studie widerlegt: auch komplexe Tätigkeiten können routiniert ablaufen. Wir stellen drei Studien vor, die untersucht haben, ob Digitalisierung eine Gefahr oder eine Chance für Berufstätige ist.

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Mein Name ist Kamuran Sezer. Bei der Iodata GmbH verantworte ich die Bereiche Forschung und Kommunikation. Ich bin Ihr Ansprechpartner für folgende Themen: Studien, digitale Transformation und IO-Reifegradmodell.

Je höher der Routine-Anteil in einer Tätigkeit, umso größer die Gefahr, dass Maschinen Menschen verdrängen werden. Dieser einfache Zusammenhang wird durch eine aktuelle Studie widerlegt: auch komplexe Tätigkeiten können routiniert ablaufen. Wir stellen drei Studien vor, die untersucht haben, ob Digitalisierung eine Gefahr oder eine Chance für Berufstätige ist.

Als Gewinner des digitalen Wandels gelten Programmierer, Datenwissenschaftler und jene, die ihr Geld mit Fähigkeiten verdienen, die eine Maschine nicht so schnell ersetzen kann. Die Erwartung, dass umgekehrt Routinetätigkeiten aus dem Arbeitsalltag verschwinden, bestätigt sich bislang jedoch nicht. Die Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) auf Basis von sechs Erwerbstätigenbefragungen des Bundesinstituts für Berufsbildung zeigt, dass die Jobs von Beschäftigten mit Hochschulabschluss zunehmend durch Routine geprägt sind: Im Jahr 1979 gaben nur 18 Prozent der befragten Akademiker an, häufig Routinetätigkeiten auszuüben, 2012 – dem Jahr der aktuellsten Befragung – waren es 23 Prozent.

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„Mit der zunehmenden Automatisierung steigen die Anforderungen zwar insgesamt, gleichzeitig müssen Hochqualifizierte aber auch immer mehr Routineaufgaben bewältigen“, sagt IW-Experte Michael Zibrowius. Dazu gehörte beispielsweise die regelmäßige Pflege von Datenbanken oder die tägliche Überprüfung der korrekten Einstellung einer Fertigungsmaschine. Auch bei den Beschäftigten anderer Qualifikationsniveaus ist der Routineanteil gestiegen. Von den Erwerbstätigen ohne Berufsabschluss üben inzwischen 64 Prozent häufig Routinetätigkeiten aus, 1979 waren es 54 Prozent.

Aus dieser Entwicklung lässt sich allerdings nicht ableiten, dass die Arbeit einfacher geworden ist – auch sehr komplexe Tätigkeiten können routiniert ablaufen, wenn sie immer wieder in ähnlicher Form ausgeführt werden. Das gilt zum Beispiel für den parallelen Umgang mit mehreren Computerprogrammen. „Die aktuell gute Arbeitsmarktlage zeigt, dass mehr Routine im Job keineswegs den Arbeitsplatz gefährden muss. Auch in Zeiten des digitalen Wandels gibt es weiterhin Bedarf für menschliche Routinearbeit“, so Zibrowius.

Keine Hysterie, keine Untergangsphantasie, kein Aktionismus

Auch die Initiative “Neue Soziale Marktwirtschaft” ist der Frage nachgegangen, welche Effekte die Digitalisierung auf die Beschäftigungsentwicklung in Deutschland hat. In ihrem Gutachten gelangt sie zum Ergebnis, dass “bislang keine überzeugenden empirischen Anhaltspunkte” für eine solche Entwicklung existiere. Viele Prognosen seien spekulativ im Hinblick der zugrunde gelegten Annahmen zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt. Dies gelte im Besonderen für die Betrachtung einzelner Branchen. Allerdings gehen die Autoren der Studie davon aus, dass die Digitalisierung die Höherqualifizierung von Berufen antreiben wird. Sie erwarten eine Anpassung der Qualifikationsanforderung in Richtung zu mehr IT-Fachwissen und Kompetenzen im Umgang mit dem Internet. Die Autoren mahnen, in keinen auf Hysterie und Untergangsphantasien fußenden Aktionismus zu verfallen.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), eine Einrichtung der Bundesagentur für Arbeit, hat die Substituierbarkeitspotenziale der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt in Nordrhein-Westfalen untersucht. Die Autoren führen an, dass Digitalisierung nicht nur globale und nationale Effekte aufweist, sondern auch auf regionaler Ebene wirkt. In der Studie werden zudem städtische und ländliche Räume explizit betrachtet. So rangiert die Spanne der Beschäftigungsverhältnisse von Berufen mit Substituierbarkeitspotenzial zwischen neun Prozent für Düsseldorf und 30 Prozent im Kreis Olpe. Die Stadt-Land-Betrachtung ist ein spürbarer Mehrwert gegenüber anderen Untersuchungen zum Thema.

Trotz der zum Teil hohen Substituierbarkeitspotenzialen in manchen Berufssegmenten gehen die Autoren davon aus, dass Digitalisierung nicht zwangsläufig zu massiven Beschäftigungsverlusten führen muss. Zwar seien Arbeitsplätze in der Produktion von einer negativen Entwicklung betroffen. Inwiefern diese Tätigkeiten tatsächlich durch Computer oder Maschinen ersetzt werden, hängt von ethischen, rechtlichen und kostentechnischen Hürden ab. Zudem müssen Investitionen in digitale Technologien sich lohnen. Oder anders formuliert: wenn die Lohnkosten für die betroffenen Tätigkeiten niedriger bleiben als die Investitionskosten, können Unternehmen auf Digitalisierung verzichten oder vertagen.

Eine wieder etwas anders ausgerichtete Untersuchung bietet die Stiftung Neue Verantwortung. Sie versteht sich als ein Think Tank für die Gesellschaft im technologischen Wandel. Sie veröffentlicht Analysen, entwickelt Handlungsempfehlungen und veranstaltet Fachdiskussionen. Im Fokus ihrer Untersuchung steht eine Übersicht über internationale, deutsche und wissenschaftliche Debatten zur Zukunft des Arbeitsmarkts im Lichte der Digitalisierung. Die Autoren haben Beispiele aus dem Dienstleistungssektor im Besonderen betrachtet, da seine Bedeutung über die vergangenen Jahrzehnte national wie international gewachsen ist. Sie sehen eine entschiedenere Zuwendung zum Dienstleistungssektor als erforderlich an. (iw/iovolution)