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Digitalisierung im Krankenhaus: Zwischen Arbeitserleichterung und Leistungsdruck

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Gerne wird im Rahmen von Industrie 4.0 auch vom Mensch 4.0 gesprochen. Dabei weiß man über die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Menschen immer noch wenig. Einen Einblick gibt eine aktuelle Studie des Instituts Arbeit und Technik (IAT) im Auftrage der Hans-Böckler-Stiftung. Im Mittelpunkt: die Digitalisierung von Krankenhäusern und die Auswirkungen auf deren Beschäftigte.

Die Digitalisierung hat das Gesundheitswesen erfasst. Aus Sicht der Beschäftigten ist das eine zweischneidige Entwicklung, lautet das Ergebnis einer von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung beauftragten Studie. Digitale Geräte können im Krankenhaus die Arbeit erleichtern, doch gleichzeitig nehmen Zeitdruck und Unterbrechungen zu. Wie sich die digitale Entwicklung letztlich auf die Krankenhausbeschäftigten auswirkt, scheint auch davon abzuhängen, ob die Kliniken in privater, öffentlicher oder gemeinnütziger Trägerschaft geführt werden.

Dass digitale Technologien auf breiter Front in den deutschen Krankenhäusern Einzug gehalten haben, stellen die Forscher um Michaela Evans, Professor Josef Hilbert und Christoph Bräutigam vom Institut Arbeit und Technik (IAT) in ihrer Studie fest. Bei Auswahl und Bewertung der neuen Techniken wird allerdings bisher nur eine Minderheit der Arbeitnehmer einbezogen. Weniger als 30 Prozent der befragten Arbeitnehmer fühlen sich rechtzeitig und umfassend informiert, wenn es um digitale Neuerungen geht.  Die Gesundheits- und Sozialwissenschaftler haben untersucht, welche Auswirkungen diese Entwicklung aus Sicht der Beschäftigten hat. Aufgrund ihrer Anlage ist die Studie zwar nicht im strengen Sinne repräsentativ, ermöglicht aber dennoch einen außergewöhnlich detaillierten und empirisch fundierten Einblick in den Digitalisierungsalltag deutscher Krankenhäuser.

Der Studie zufolge sorgen sich Pfleger und Ärzte zwar nach wie vor nicht um die Sicherheit ihrer Jobs, was das Aufgabenspektrum und die Arbeitsbelastung angeht, nehmen sie aber durchaus Veränderungen wahr. Die Digitalisierung hat die Arbeit einerseits erleichtert, andererseits aber auch zu mehr Druck geführt. Dass die neuen Techniken eingeführt werden, ohne die Beschäftigten zu beteiligen, wird von vielen als besonderes Problem wahrgenommen.

Arbeitnehmer im Gesundheit gegenüber Digitalisierung sehr aufgeschlossen

Der IAT-Studie zufolge stehen die Arbeitnehmer im Gesundheitswesen technischen Neuerungen grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber: Fast 90 Prozent der Befragten sind daran interessiert, die Mehrheit traut sich den Umgang mit den technischen Neuerungen zu. Nur 5 Prozent fühlen sich überfordert. Dass insbesondere Pflegekräfte neue Technologien grundsätzlich ablehnen, sei zwar ein verbreitetes Stereotyp, decke sich aber nicht mit den Ergebnissen der Befragung, so die Forscher.

Angesichts des Ausmaßes der Digitalisierung wäre eine solche Einstellung auch schwer durchzuhalten. Jeweils über 70 Prozent der Studienteilnehmer nutzen regelmäßig digitale Technik in den Bereichen Kommunikation, Logistik, Management und Personalverwaltung, Patientenversorgung, Information und Qualifizierung. Zu den Einzelaufgaben, die in diesem Zusammenhang am häufigsten genannt werden, gehören die Recherche von Fachinformationen, Materialanforderungen, Diagnosen und die Verwaltung von Patientendaten. 84 Prozent der Befragten nutzen Computer, 60 Prozent Digitalkameras und 53 Prozent Monitoring-Systeme, mit denen sich beispielsweise die Vitalwerte von Patienten überwachen lassen. Ein Viertel verwendet im Dienst Smartphones, ein Zehntel Tablets.

Die Wissenschaftler haben zwischen Juni und Oktober 2016 eine Online-Befragung durchgeführt, an der 648 Klinikbeschäftigte teilgenommen haben. Von den Befragten arbeiten 79 Prozent in der Pflege, 6 Prozent sind Ärzte. Die übrigen Teilnehmer sind in Assistenzberufen, im therapeutischen Bereich oder in Verwaltung und Technik tätig. Zusätzlich zur Online-Befragung wurden Interviews mit den Managern zweier Krankenhäuser geführt. 

 Die Einschätzungen zu den Auswirkungen auf die Beschäftigung im Gesundheitswesen fallen hingegen uneinheitlich aus: Ein Fünftel der Befragten berichtet, dass in ihrem Haus im Zuge der Digitalisierung Arbeitsplätze weggefallen seien. Knapp ein Viertel geht davon aus, dass zusätzliche Stellen entstanden sind. Generell befürchten mit zwei Prozent nur die wenigsten Befragten, selbst überflüssig zu werden. Die Auswirkungen, so die Autoren, scheinen “eher qualitativer als quantitativer Natur” zu sein. Drei Viertel der Befragten bestätigen, dass das Aufgabenspektrum der bestehenden Arbeitsplätze größer geworden ist.

Dabei sind die konkreten Veränderungen im Bereich Kommunikation und Zusammenarbeit der Studie zufolge “auffallend begrenzt”. Informationen über Patienten werden beispielsweise nach wie vor zu 55 Prozent mündlich ausgetauscht, Dokumentationen erfolgen zu 58 Prozent in Papierform. Deutlich verbessert hat sich infolge der Digitalisierung vor allem die Zusammenarbeit mit anderen Krankenhausabteilungen.

Leistungsdruck und Arbeitsverdichtung haben zugenommen

Was die Arbeitsbelastung angeht, sind die Befunde ambivalent. Einerseits finden 61 Prozent der Beschäftigten, dass digitale Technologien die eigene Arbeit erleichtern. Jeweils 40 bis 50 Prozent berichten von Zeitersparnis, mehr Effektivität und qualitativen Verbesserungen bei der Patientenversorgung. Andererseits scheint es zu einer deutlichen Arbeitsverdichtung gekommen zu sein: Ein Drittel der Befragten beklagt mehr Hetze und Leistungsdruck, die Mehrheit muss öfter mehrere Aufgaben parallel erledigen. Je ein Viertel fühlt sich bei der Arbeit häufiger gestört und am Arbeitsplatz stärker kontrolliert.

Gleichzeitig betrachten die Klinikmitarbeiter die Digitalisierung als Chance, das Image ihrer Berufe zu verbessern: Drei Viertel von ihnen sind ganz oder teilweise davon überzeugt, dass digitale Technik zur Aufwertung ihrer Arbeit beiträgt. Wesentlich kritischer sind die Ansichten in punkto Partizipation. Weniger als 30 Prozent der befragten Arbeitnehmer fühlen sich rechtzeitig und umfassend informiert, wenn es um digitale Neuerungen geht. Immerhin 40 Prozent betrachten sich als ausreichend qualifiziert. Nur 15 Prozent wurden bei der Entwicklung technischer Lösungen umfassend beteiligt, und nur 12 Prozent hatten Einfluss auf die Auswahl digitaler Produkte. Das Interesse des Managements an echter Beteiligung scheine eher gering ausgeprägt zu sein, urteilen die Forscher. (böckler-stiftung/iovolution)

Christoph Bräutigam, Peter Enste, Michaela Evans, Josef Hilbert, Sebastian Merkel, Fikret Öz: Arbeitsreport Digitalisierung im Krankenhaus: Mehr Technik – bessere Arbeit? Studie der Hans-Böckler-Stiftung Nr. 364, Dezember 2017.
Download: https://www.boeckler.de/5248.htm?produkt=HBS-006759&chunk=1&jahr

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